Geschichte

Kapitel I: Die Protomafia

In seinem zu Recht nicht unumstrittenen Buch “Bildung” ordnet Dietrich Schwanitz einigen Völkern Europas so etwas wie “Primärtugenden” zu. Die Deutschen sind dabei seiner Meinung nach immer auf der Suche nach Orginalität, also Echtheit. Wenn daran etwas Wahres ist, dann ist die Rockabilly Mafia eine durch und durch Deutsche Kapelle. Von meinen Problemen mit diesem Begriffen, besonders mit dem heute oft falsch benutztem der “Authentizität”, wird weiter unten nochmals die Rede sein.

Ich erinnere mich jedenfalls noch ganz genau, was ich damals, im für mich so wichtigen Herbst 1985, am allermeisten wollte: Ich wollte eine Art von Musik machen, die nicht so klang, als würde sie aus dem Amerika der fünfziger Jahre kommen, und auch nicht so, als wäre sie 1976 in England entstanden. Die Achtziger selber interessierten mich schon gar nicht. Ich wollte mit Rockabilly, wie ich ihn mir vorstellte, Geschichten erzählen, die mir passiert waren, oder die mir zumindest so hätten passieren können.

Dabei nutzte ich den Fundus sprachlicher und musikalischer Mittel, die mir damals zur Verfügung standen. Auf dem Kontrabass hatte ich gerade die allerersten Marginalien gelernt, und ich konnte von Glück reden, dass mein damaliger Musiklehrer mir den Schulbass leihweise zur Verfügung stellte (ich malte ihn dann zum Dank dafür mit weißem Edding an (den Bass, nicht den Lehrer)). Mit Malte Kob hatte ich einen Multiinstrumentalisten an meiner Seite, und durch geduldiges Üben kamen wir dann soweit, dass die ersten musikalischen Gehversuche nicht immer völlig danebengingen...

Was die Texte anging, so konnte ich auf eine Fülle (genauer gesagt zwei) höchst unglückliche Liebesgeschichten, einige damit verbundene minder- bis mittelschwere Sachbeschädigungen und ein sehr mäßig renoviertes B-Kadett-Coupe Baujahr 72 zurückgreifen. Daraus hätte man in den fünfziger Jahren schon ein paar Dutzend Titel destillieren können.

Ich möchte gleich an dieser Stelle anmerken, dass ich hier nicht auf unsere musikalischen Vorbilder eingehen werde. Es ist das eine, Musik zu hören, es ist das andere, sie zu machen. Bei uns ging das nie so recht zusammen, denn wenn die Mafia einen Song macht, ist es ein Mafiasong. Das kann sich mal nach dem einen oder anderen Vorbild anhören, es bleibt aber ein Mafiasong. Unverwechselbar. Leider. Weiter im Text...

Nun, im Herbst 1985 bekamen die Dinge eine gewisse Dynamik, denn durch den Kontakt zu anderen Musikern auf meiner Schule (einem ansonsten sehr ehrwürdigen humanistisch-neusprachlichem Gymnasium in Elmshorn) gelang es mir, eine Art Pool von Leuten aufzubauen, die für Sessions zur Verfügung standen.

Der Name “Rockabilly Mafia”, den ich dem Ganzen etwas später schließlich gab, zollte diesen unübersichtlichen Verhältnissen Tribut, wobei der Rockabilly die grobe Richtung vorgab. Wir nahmen eine ganze Anzahl von Stücken mit Malte Kobs altem Tonbandgerät auf, und ich muss sagen, dass ich mir einige dieser Titel auch heute noch gerne anhöre, wenn ich sie auch nie veröffentlichen würde.

Im Laufe des Jahres hatte ich besonders viel mit zwei weiteren Leuten bei kleinen Lifegigs zusammengearbeitet, mit dem Bassmann Kai Beyer und dem Drummer Andreas Dalecki. Während nun bei den Sessions 1985 alle möglichen Leute mitwirkten, kristallisierte sich als mögliche Form für eine “echte” Band ein Quartett heraus, wobei der musikalisch ebenfalls sehr versierte Kai Beyer fortan die Gitarre spielte und mir den Bass überließ, während Malte Kob das Saxophon(!) übernahm.

Und genau in dieser Besetzung bestritten wir auch unser erstes Konzert an meinem Geburtstag am 27.09.1985 auf dem Barmstedter Friedhof, von dem wir ein sehr bescheidenes Tape mitschnitten und an die Gäste verscherbelten. Somit fiel die Geburt der Rockabilly Mafia mit meinem eigenen zwanzigsten Geburtstag zusammen.

Es folgte dann noch ein Auftritt auf dem Frühlingsfest der Elsa-Brändström-Schule im April 1986, bei dem wir noch durch den Pianisten Waldemar Stiller ergänzt wurden, ein hier dargebotener Titel hat die Zeiten überlebt, er wurde als Gimmick 1990 auf dem Sampler “Der Norden haut drauf” unter dem Bandnamen “EBS-Allstarband” veröffentlicht.

Aber ich war mit dem Erzählen im Jahr 1986, in dem ich nicht nur mein Abitur machte, sondern auch etwas sehr grundsätzliches über Musik lernte, und damit sind wir wieder bei der Echtheit. Im September des Jahres nahmen wir unsere erste Schallplatte “Rockin in the Graveyard” auf. Die Platte klang scheiße. Vor allem deshalb, weil ich überhaupt keine Vorstellung davon hatte, wie sie denn nun eigentlich klingen sollte.

Am alten Rockabilly wollten wir uns zwar orientieren, aber der Sound der “Keytones” gefiel uns auch recht gut, Red Hot Max war super, die “Cat-Bands”(Vorsicht, dies bedeutete Stray-Cats, PoleCats, Blue-Cats und nichts aus der Frühzeit des Texas-Rockabilly eines Lew Williams o.ä.) waren klasse, Restless sowieso, aber wo gehörten WIR hin???

Wie sollte das weitergehen, zumal es auch ansonsten nicht gut lief: Das ganze Jahr über hatten sich unser aller Lebenswege langsam aber beständig auseinander entwickelt. Malte Kob war als Saxophonist für eine Rockabillyformation, wie ich sie mir vorstellte, letztendlich einfach nicht passend, Kai Beyer heiratete im Sommer des Jahres, während ich im Herbst zur Bundeswehr einrücken musste.

Die dort gesammelten Eindrücke veranlassten mich nicht nur zu ausdauerndem und reichlichem Alkoholkonsum, sondern auch zum Einschlagen einer härteren Gangart: Was sollte ich eigentlich mit Leuten, die meine Art von Musik zwar spielten, aber sie nicht lebten? Wie sollte ich ihnen begreiflich machen, warum dies oder das nicht ginge, sondern genau SO gespielt werden müsse? War die Beliebigkeit, mit der meine Mitmusiker ihre Spielweisen an meinen musikalischen Vorstellungen anpassten, Können oder bloß Orientierungslosigkeit?

Wurde mein eigener Weg dadurch beeinflusst, gar verwässert? Unangenehme Fragen. Schließlich kam mir die Eingebung (Wahnvorstellung?), dass man einen unverwechselbaren Sound am einfachsten mit unverwechselbaren Typen erzeugen kann. Bei mir war das der Fall. Und wenn man mich nicht “einrahmen” konnte, ohne Glaubwürdigkeit dranzugeben, vielleicht brauchte ich dann einfach noch mehr “Typen”? Auftritt Karsten”Tex”Willer.


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